Paradoxland

Paradoxland

Wenn man sich nicht zwingt, den Informationssensor seines Gehirns auf „Durchzug“ zu stellen, wird man wahnsinnig, denn mit Verstand lassen sich die Entwicklungsprozesse der Gegenwart kaum noch erklären. Wir leben in einem Land, auf einem Kontinent, einer Welt, deren Widersprüche größer kaum werden können und ich habe Angst davor, dass sie sich wieder in einem Inferno entladen werden. Warum braucht die Menschheit immer erst die Hölle auf Erden, bevor sie bereit ist, sich auf das zu konzentrieren, was das Leben lebenswert macht - Frieden und Sicherheit? Warum muss man es immer erst soweit kommen lassen, dass Wenige das Schicksal der Menschheit kaputt manchen dürfen, ohne selbst höchstwahrscheinlich besondere Risiken eingehen zu müssen? Die Menschheit, als Krönung der Schöpfung, ist das erste Paradoxon schlechthin, denn kaum ein anderes Lebewesen arbeitet so stringent daran, sich selbst zu vernichten. Die besondere Lesart der Paradoxien bilden sich in scheinbar unmöglichen politischen Konstellationen, bei denen Ziele ideologischer Extremgegner offenbar identisch werden. Wenn dies nun zum ersten Mal in der Geschichte der Fall wäre, könnte man noch mildernde Umstände bei der Beurteilung gelten lassen, aber diese Entwicklung hatten wir schon zig mal - zuletzt am Ende der Weimarer Republik in Deutschland und in den Dreißiger Jahren in Europa.
Die Paradoxien, die Weltbilder zum Schmelzen bringen können, sind zum Beispiel:


- Der permanente Verweis auf Demokratie und die Unterordnung unter eine oligarchische EU,
- Sozialstaat und unkontrollierte Masseneinwanderung, 
- Ablehnung eines kulturellen Leitbilds - Forderung nach Omnipräsenz nationaler Verantwortung zum Beispiel bezüglich des Holocausts
- Auflösungsversuche der Nationen (Bevölkerung statt Volk, die schon länger hier leben, statt Deutsche etc.) und Integrationsbemühungen (wohinein denn?)
- Europa vs. Grundgesetz (als konkretes Beispiel für Punkt 4) (Dublin, Schengen, Grenzsicherung, Außengrenzen)
- Rechte und linke Sozialpolitik gleichen sich fast
- Freiheitsideal und Akzeptanz von Unfreiheitsidealen (Verschleierung, Ehrbegriff, Stammesgesellschaften außerhalb des Rechtsstaats etc.)
- Ehe für alle und Ablehnung dieser durch die großen Religionen ohne konsequente Trennung von Staat und Religionen
- Extremer Reichtum und extreme Armut
- Extreme Selbstverleugnung und Extreme Identitätssuche
- Kritik an der Menschenrechtslage und Waffenlieferungen in Krisengebiete
- Opposition, die keine ist

etc. 

Dabei sind die Zeichen äußerster Unzufriedenheit der Menschen unverkennbar und dennoch steuern die „Kapitäne“ den Dampfer volle Kanne in die Klippen - das ist Schlafwandelei wie vor 1914. Menschen gehen auf die Straßen, wir bekommen Bürgerkriege, Millionen sind auf der Flucht, die Reichen müssen sich vor den Armen schützen - all das hatten wir schon - im antiken Rom, am Ende des Mittelalters in Europa, am Beginn der Industrialisierung - warum ignorieren wir die Urerkenntnisse der Menschheit? Die Antwort ist relativ einfach und war auch die Ursache für das Elend früher - es sind die miesen Eigenheiten der Rasse „Mensch“: Habgier, Neid, Wollust, Unmäßigkeit, Stolz, Zorn, Trägheit (nicht von ungefähr seit tausenden Jahren als Todsünden angeprangert). Viele Ideologische Systeme sind an dem Versuch gescheitert, diese menschlichen Eigenschaften auszulöschen. Ob die Religionen, der Kommunismus, der Faschismus, Maoismus, Stalinismus, egal … es lief immer darauf hinaus, diese Eigenschaften mit Gewalt zu unterdrücken. Der als Allheilmittel durch die Aufklärung gepriesene Liberalismus und die Toleranz der Eigenheiten sind ebenso gescheitert, denn Unmäßigkeit auf der einen Seite und Trägheit auf der anderen Seite schaffen solche großen sozialen und ökonomischen Gegensätze, die die Lage heute beschreiben.
Wenn also weder Diktatur noch Freiheit gegen den Menschen helfen, was dann? Versuche, den Mittelweg zu finden, gab und gibt es viele - unter Umständen nur nicht konsequent zu Ende geführt oder an technischen Möglichkeiten gescheitert:
Anarchie oder Direktdemokratie werden nicht funktionieren, aber direktdemokratische Verfahren wie in der Schweiz schon, die Legitimation schaffen und die Eliten zähmen.
Ein Scherbengericht wie im alten Athen, bei dem man beim Volk in Ungnade gefallen Mächtige aus dem Staat verbannen konnte und deren Vermögen beschlagnahmte, wird auch nicht gehen, aber empfindliche Strafen für Steuergeldverschwendung (Verbot von Wiederwahl, persönliche Haftung für Politikarbeitende und Manager*innen, etc.) würden Mäßigung fördern und Genugtuung bei der Masse.
Annuität wie im alten Rom ist wegen der komplexen Welt sicher keine gute Idee, denn kaum ist die Einarbeitungszeit herum, muss das Amt geräumt werden. Aber die Begrenzung auf eine Legislaturperiode für Abgeordnete und auf zwei für die oberste Riege in den Ministerien würde den Filz überhaupt nicht erst entstehen lassen und Arroganz der Macht verhindern. Wenn uns Menschen regieren, die schon einmal gearbeitet haben, die ohne Parteikarriere das Leben gemeistert haben, hält Realität Einzug in den Staat - und das würde uns gut tun.
Man wird definieren müssen, wie viel Einkommen und Vermögen im Verhältnis zu den Ärmsten wir als moralisch erträglich ansehen - wie weit die Freiheit gehen sollte, ungehemmt Reichtum anzuhäufen und ab wann rigoros beschnitten werden muss. Dieses Verhältnis kann ich nicht nennen - aber sicher ist 30 mal zu wenig und 300 mal zu viel. Wenn Reiche darauf hin in Scharen das Land verlassen wollen - das können sie - andere Leistungsträger warten darauf, ihren Platz einzunehmen und sind vielleicht bescheidener. Das Vermögen bleibt natürlich hier, denn das haben sie ja auch verdient, weil sie hier waren.
Wir werden Trägheit und Stolz genauso behandeln müssen wir Gier - das Maß definieren und zulassen, aber dem Kanal enge und starke Mauern verpassen. Wenn du nicht wählen gehst - deine Sache, aber das war es dann für mindestens zwei Legislaturperioden und dann darfst du dich wieder bewerben. Deine Staatsbürgerschaft wird von AAA auf das Niveau AA+ zurückgestuft, denn Du hast hier nicht nur Rechte sondern auch Pflichten.
Wenn du den Stolz auf deine privaten Phantasien benutzt, um anderen Menschen das Leben schwer zu machen (Religion, Fanatismus, etc.), weil du in ihr Leben eingreifst, indem du sie bekehren willst, sie mit Lärm, Aufmärschen, Lautstärke oder anderem Spam belästigst, wird man die Mauern am „Kanal der Selbstverwirklichung“ erhöhen. Also mäßige Dich. „Du darfst hier alles, aber geh den anderen nicht auf den Sack.“ Wenn die einen alles dürfen und den anderen nicht auf die Nerven gehen, weil sie sich mäßigen, wird es Toleranz geben.
Die Eintrittskarte in diese Land ist die Einhaltung des „geänderten“ Grundgesetzes. Wenn Du dich nicht dran halten kannst oder willst, weil dein Migrationshintergrund oder deine religiöse Überzeugung im Weg steht, verliert die Karte ihre Gültigkeit. Dann hast du das Recht, dir einen anderen Staat auszusuchen, in dem deine Eigenheiten willkommen sind. Wir können keine Rücksicht darauf nehmen, denn wir haben Millionen Menschen unter uns, die „schon länger hier leben“, die diese Regeln auch nicht begreifen und die wir nicht einfach wegschicken können (Nazis, Autonome, Ultras, Fundamentale aller Glaubens- und Politikrichtungen, etc.).
So abgedroschen es ist, man kann den Menschen durch Bildung davon abhalten, diese seine miesen Eigenschaften bis zur Unmäßigkeit ausleben zu müssen - also investieren und gleiche Chancen für alle schaffen. Allerdings müssen die Konsequenzen eben auch klar sein: Du hast die gleichen Chancen. Wenn du sie aus selbstverschuldeten Gründen nicht nutzt, wird diese Runde auf der Welt anders aussehen, als bei denen, die die Chance nutzen - da hilft dann auch Sekundärverteilung von Einkommen nur, um die schlimmsten unmenschlichen Konsequenzen zu vermeiden. Aber das darf sich eben nicht durch die Generationen fortsetzen. Jeder junge Mensch muss die gleichen Chancen haben!
Eine Gesellschaft ist nur dann lebenswert, wenn sie sich in herausragender Weise um die kümmert, die nicht selbstverschuldet oder wegen der normalen Lebensrisiken in Not geraten (dazu zählen nicht Rauchen, Drogenmissbrauch und alle Zivilisationskrankheiten, die durch unmäßige Lebensweise entstanden sind, und weitere). Kinder und Alte, Frauen (demnächst sicher auch Männer), die Kinder zu Welt bringen, Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, die nicht, nicht mehr oder zwischenzeitlich nicht arbeiten können, müssen es gut haben. Eine Gesellschaft, in der die Angst von Lebensrisiken wenigstens insofern abschaffen kann, dass Menschen dennoch ein würdevolles Leben führen können, ist ein Paradies. Ja, dies kostet - und zwar das Recht, unmäßig reich werden zu können. (Formel, siehe oben, ist noch zu definieren).