Jerusalem oder über das Anerkennen von Realitäten

Die Wahrheit historisch determinierter Argumentationen hängt davon ab, von welchem Zeitpunkt an die Geschichte erzählt wird und welcher Ausschnitt des Gesamtzusammenhangs einem ins Bewusstsein rücken soll. Genau dieser Zeitpunkt, vom dem aus Realitäten als gegeben anerkannt werden, die Verleugnung der Vorgeschichte in Kauf nehmend, lässt das Handeln in jeweils anderem Licht erscheinen. Ideologisch kommt einem diese Argumentationsweise recht, denn man kann alles so biegen, dass man sich als moralisch integer darstellen kann - die Wahrheit für sich in Anspruch nehmend und weiteres Handeln darauf beziehen kann.

Würden Gerichte so handeln, gäbe es keine mildernden Umstände, keine Freisprüche wegen Notwehr oder aus Mangel an Beweisen. Schaut man sich Geschichte in einem engen Ausschnitt an, erscheinen die Dinge vielleicht klar und das eigene Handeln lässt sich rechtfertigen. Was aber ist, wenn das Handeln des einen die Reaktion auf das Handeln des anderen war?

Im Fall der Stadt Jerusalem ist keine der präferierten Lösungen richtig. Die heilige Stadt wird von drei Weltreligionen in Anspruch genommen und alle Wurzeln sind gleich viel wert. Sie ist weder die Hauptstadt der einen, noch ist sie die Hauptstadt der anderen - sie ist die Hauptstadt von allen. Wenn es auf der Erde eine „Weltstadt“ geben sollte, dann wohl diese - weniger wegen ihrer Größe - wegen ihrer Geschichte und dem Potenzial, der Welt zeigen zu können, wie Menschen friedlich miteinander leben könnten. Die logische Schlussfolgerung wäre - der Status Jerusalems ist der einer internationalen Stadt - ggf. der eines eigenen Staates, wie es am Beispiel des Vatikans möglich war. Diese Stadt gehört niemandem, sie gehört der Menschheit.

Nun sind aber Fakten geschaffen worden, zuletzt durch die Anerkennung der Stadt als Hauptstadt Israels durch Donald Trump, durch die Retourkutsche der Arabischen Liga als Hauptstadt Palästinas. Beides ist falsch. Dahinter steckt eine Argumentation, die die Realitäten entweder erst nach Ende des Sechs-Tage-Krieges 1967 anerkennt und frühere Realitäten negiert oder eben die Realitäten davor als Maßstab sieht. Diese Denkweise hat sich in vielen Bewertungen breit gemacht und soll das eigene Handeln rechtfertigen, indem man die Vorgeschichte ausblendet:


Die Geschichte der Besiedlung Amerikas wird gefeiert (siehe 1992 - 500 Jahre „Entdeckung“ durch Kolumbus) - der Völkermord wird als Kollateralschaden in Kauf genommen und nur regional als politische Handlungsleitlinie anerkannt.

Der Kolonialismus in Afrika gilt als Ursache für die politische und ökonomische Instabilität des Kontinents. Die Tatsache, dass sich die untergegangenen Hochkulturen Afrikas nicht mit der gleichen Geschwindigkeit - ohne Zutun der Europäer - entwickelt haben, wie die des Nordens, wird gerne aus der Kausalität gestrichen. Während es kein Problem zu sein scheint, dass Germanen von großen Teilen des Römischen Reiches (ebenfalls eine untergegangene Kultur) Besitz nehmen, wird die Inbesitznahme Afrikas kritischer gesehen. Eine Frage des Zeitpunkts, von dem aus Geschichte erzählt wird.

Als China im 19. Jahrhundert politisch und ökonomisch untergeht und die Welt meint, sich nun am chinesischen Territorium bedienen zu können, missachtet der Chauvinist die Tatsache, dass man in China schon Fußbodenheizung hatte, während man in Europa noch von „Ast-zu-Ast“ hüpfte. Aus der chinesischen Unterlegenheit generierte man im Westen den Anspruch, den eigenen Lebensstil nach Asien zu exportieren. Glücklicherweise ist dieser Versuch gescheitert. Nichtsdestotrotz scheint die gleiche Geisteshaltung im Westen immer noch zu existieren, sonst würde ein Land wie die USA mit einer reichlich 200-jährigen Geschichte einem Land wie Persien mit über 2000 Jahren Geschichte nicht erklären wollen, wie man zusammenlebt.

Die gewaltsame Annexion des Westjordanlandes und der Golan-Höhen durch Israel wird gerechtfertigt - die Annexion der Krim durch Russland nicht. Erzählt man die Geschichte vom Zeitpunkt der „Maidan-Revolution“ aus, scheinen die moralischen und völkerrechtlichen Fronten klar. Schaut man hingegen in das Jahr 1990 und denkt an die Verhandlungen bezüglich der Deutschen Wiedervereinigung wird klar, dass zuerst eine Westexpansion von NATO und EU stattgefunden hatte, die im Regime-Change des ukrainischen pro-russischen Präsidenten Janukowitsch gipfelte, bevor sich Russland zur Annexion der Krim entschlossen hatte.

Die Liste der oberflächlichen Schlussfolgerungen für politisches Handeln lässt sich beliebig fortsetzen:
Wäre Hitler ohne Versailles und dessen Folgen denkbar? War Versailles die Konsequenz aus der Alleinschuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg oder eine aus dem imperialen Streben aller Großmächte, die in Versailles auf inkonsequente Art und Weise lediglich den Verlierer auszuschalten versuchten? Hatte es in Wien 1815 nicht Beispiele gegeben, wie man mit Eroberern wie Napoleon umzugehen hat, wenn man den Frieden sichern will? Theodor Heuss: war der Meinung, „die Wiege des Nationalsozialismus habe nicht im Münchner Bürgerbräu-Keller gestanden sondern in Versailles.“

Sind folgende Kausalketten korrekt?

Oktoberrevolution > Antikommunismus > Expansion der UdSSR > Containment Policy?

Oder kommt vor der Oktoberrevolution der Regime-Change der deutschen OHL, die Lenin von der Schweiz aus nach Russland exportiert hatten, damit der dort einen Putsch anzettelt? Fallen dessen These auf fruchtbaren Boden, weil die Menschen die kommunistische Idee so toll finden oder weil sie durch den Kapitalismus an den Rand ihrer Existenz gebracht worden sind?

9/11 2001 > Krieg gegen den Terror?

Oder Regime-Change 1953 im Iran > Diktatur durch den Schah von Persien > Islamische Revolution > Dualismus zu den Sunniten in Saudi-Arabien > Aufbau der Mudschahedin in Afghanistan gegen die UdSSR > Förderung des islamistischen Terrorismus > 9/11 2001? Ab welchem Zeitpunkt gilt die Geschichte als relevant?

Erstarken der AfD > Ermutigung für Rechtsradikalismus > Einzug der AfD in den Bundestag?

Oder Vergesellschaftung privater Schulden durch die sog. Eurorettung > Gründung der AfD > Staatsversagen (CDU und SPD) in der Migrationskrise 2015 > Erstarken der AfD > Ermutigung für Rechtsradikalismus > Einzug der AfD in den Bundestag

Immer wieder ertappt man sich dabei, das Anerkennen von Realitäten willkürlich festzulegen, wie es Trump nunmehr mit seinem Vorstoß zu Jerusalem macht. Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass man ein gewaltsam annektiertes Gebiet nach 50 Jahren nun anerkannt bekommt? Wer legt fest, dass es 50 Jahre sein müssen oder reichen dazu auch schon 5 Jahre? Solche einseitigen Regelungen öffnen Tür und Tor für erneute Versuche Mächtiger, die politischen Karten der Welt neu zu gestalten.
Völkerrechtlich stabile Regelungen bedürfen der Einigung, dem Konsens aller Beteiligten, deren historisches Interesse nachzuweisen ist. Die Verhältnisse im Nahen Osten sind so verfahren, dass es keine regionalen Lösungen gibt - schon gar nicht solche symbolträchtigen wie die der Stadt Jerusalem. An den Tisch gehören alle - auch die, die bisher kaum berücksichtigt worden sind - Kurden, Palästinenser und auch die Christen dort.
Solange allerdings die Religionen für sich beanspruchen, die alleinige Vertretung des Menschen auf Erden zu sein, wird es keinen Konsens geben. Das Fazit können Sie sich nun selbst denken.