Sternenkind

Als im Herbst 1944 im Landhaus Dumbarton Oaks in Washington D.C. über die Rolle und das Aussehen einer internationalen Nachfolgeorganisation des gescheiterten Völkerbundes beraten wurde, wurde schnell klar, dass auch eine neue, später Vereinte Nationen genannte, Organisation vom Zustandekommen langwieriger demokratischer Kompromisse abhängig werden würde. Um einer erneuten Weltkatastrophe wirkungsvoll begegnen zu können, benötigte man ein Gebilde, dass unabhängig von Mehrheiten in der Lage war, die nach dem abzusehenden Ende des Großen Krieges entstehende Weltordnung zu erhalten. Man war sich einig, dass eine globale Pentarchie aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika, dem Vereinigten Königreich, Russlands (auch wenn momentan in den Fesseln der kommunistischen Ära gefangen und mit einem Vielvölkerstaat belastet), Chinas und Frankreichs wegen ihrer Größe und ihres Einflusses auf der Welt in der Lage wäre, eine stabile Welt zu erhalten. Da Regierungen kommen und gehen würden, war man darauf angewiesen, ein unabhängiges System zu errichten, dass, allen politischen Veränderungen trotzend, überdauern würde.

            So entstand am Rande der Konferenz eine unsichtbare Gesellschaft, deren Aufgabe es war, die zukünftige Nachkriegsordnung durch die Zeiten zu steuern und dafür zu sorgen, dass die Pentarchie nicht erschüttert wurde. Die Mitglieder dieses Bündnisses waren Menschen aus der zweiten und dritten Reihe der beteiligten Staaten. Zu unbekannt, um aufzufallen, einflussreich, um handeln zu können. Sie waren diejenigen, die Reden schrieben, Verhandlungen vorbereiteten, bis die politisch gewählten Marionetten auf den Plan traten und im Scheinwerferlicht politische Erfolge verkündeten. Der Öffentlichkeit war das Handeln dieser Personen stets verborgen, man interessierte sich für die Oberhäupter, Präsidenten, Minister, Könige und Diktatoren - die Sekretäre, Berater, Strippenzieher, Wasserträger, Dolmetscher, Fahrer, Wirtschaftsprüfer, Anwaltsgehilfen, alle Stellvertreter dieser Welt schienen uninteressant.

            Im Laufe der Jahre bildete sich eine kopflose Organisation (ich nenne sie DOO, von Dumbarton-Oaks-Organisation)  heraus, die sich sternenförmig über die ganze Welt ausdehnte. Alle Zellen dieser Organisation arbeiteten autark, man kannte persönlich jeweils nur zwei Mitglieder der DOO. Wurden Teile der Zellen zerschlagen, war der Schaden gering. Das Netzwerk war auf keine Führung angewiesen. Man stimmte sich ab, das Ziel vor Augen. Die DOO überließ ihren Mitgliedern völlige Selbstständigkeit, gestattete private, individuelle Geschäfte, wenn dadurch Kontakte geknüpft, gefestigt oder gehalten werden konnten. Niemand war in der Lage, die DOO zu kontrollieren.

            Hier und da stellte man fest, dass alleine die Steuerung der wichtigsten Entscheidungsträger nicht ausreichend war, den Status quo zu erhalten. Spätestens bei der Berlin-Blockade 1948 wurden operative Einheiten gebraucht, die effizient vor Ort Weichen stellen konnten. In den bisher entstandenen Gruppen aus drei bis fünf Personen, die der Ebene der „Denker“ entsprachen, fehlten „Soldaten“, um festgefahrene Karren aus dem Dreck zu ziehen, statt darauf zu warten, bis die Politik Kompromisse gefunden hatte. Die „Sterne“ vernetzten sich untereinander wieder über Mittelsleute. Man sorgte dafür, dass die einzelnen Zellen nicht zu groß wurden. So waren Verluste immer zu verschmerzen, denn selbstverständlich glitten einige der Zellen auch in ausschließlich kriminelle Gewässer ab und versorgten nur noch sich selbst. Wenn die öffentlichen Behörden ganze Ringe international operierender Verbrechersyndikate zerschlugen, waren fast immer auch Zellen der DOO betroffen. Aber da, wo Zellen starben, entstanden neue.

            Die Rekrutierung von Mitgliedern war kompliziert zu bewerkstelligen. Wer in seinem Fachgebiet über besondere Fähigkeiten verfügte aber das Licht der Öffentlichkeit scheute, wer die Eigenschaft besaß, den Schein nicht als das Erstrebenswerte zu betrachten, kam in den Augen der DOO infrage. Man nahm „zufällig“ Kontakt auf und erläuterte die Ziele der DOO. Sollte sich ein Kandidat als ungeeignet erweisen, war selbst die Denunziation bei den Behörden kein Problem. Zu unwahrscheinlich und paranoid waren die Aussagen über eine angebliche weltweite Verschwörung, sodass man ihnen kaum Glauben schenkte. Ging die Entwicklung in eine unerwünschte Richtung, kamen die operativen Einheiten, die Soldaten, ins Spiel. Die meisten Mitglieder waren nur im Rahmen ihrer Ebene mit zwei anderen Personen verbunden. Wenige hatten vertikale Kontakte zu den Soldaten. Bis eine Entscheidung das Eingreifen der Soldaten rechtfertigte, mussten also Ideen verschiedene Sterne, Länder und Kontinente durchlaufen haben, bevor etwas passierte. Im Falle lokaler oder nationaler Probleme ging der Prozess zügig vonstatten, bei internationalen Konflikten konnten Entscheidungen schon auch einmal ein halbes Jahrzehnt dauern. Damit war man immer noch schneller als die offensichtliche Politik.

Die DOO sorgte für berufliches Fortkommen oder Bestehen und forderte wenig Gegenleistung bis zu dem Tag, an dem diese besonderen Fähigkeiten notwendig wurden. 

Bis heute hält die Pentarchie. Alle Versuche, diese Ordnung zu kippen sind bisher gescheitert. Die DOO hat Eskalationen verhindert, die Berlin-Blockade war das erste Beispiel. Es folgten zahllose andere Aktivitäten, bei denen die Entstehung eines neuen Weltkrieges verhindert werden konnte. Die DOO hat dafür gesorgt, dass allzu mächtigen Personen oder Staaten Kontrahenten in den Weg gestellt wurden, die eine Verkehrung der Macht verhindern würden. Die DOO zettelte regionale Kriege an, räumte Personen aus dem Weg, sorgte dafür, dass andere Personen Wahlen gewinnen konnten, gründete Hilfsorganisationen und besorgte Bürgerkriegsparteien Waffen aller Art.

Viele Ereignisse, die Historiker aus den Zusammenhängen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedingungen betrachten, waren Machenschaften der DOO, die Berliner Luftbrücke, der Ausgang der Kuba-Krise, die RAF, die Gründung der OPEC, die iranische Revolution, das System Saddam, Perestroika und Glasnost, der Fall der Berliner Mauer, Lady Di?, der 11. September? ...  Nur beweisen ... kann dies niemand. 

 

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